+ regarding 🎥 "#DuHastDenFarbfilmVergessen": https://youtu.be/EKe9ybFDQ1A . . . . Ihr Lieben, hier kommt gleich ein kleiner Ausschnitt aus meinem Buch "Bekenntnisse", welches dem "Farbfilm" gewidmet ist, zur allgemeinen rock & roll - historischen Erbauung. . . . aus meiner Autobiographie, erschienen 2010, die leider schon seit langer Zeit ausverkauft ist, der Buchverlagsvertrag ist abgelaufen, aber sie kommt nächstes Jahr bei Groenland Records wieder neu raus, und dann erstma…ls auch auf Englisch, Und hier auf dieser webseite: https://www.universal-music.de/…/bekenntnisse-einer-rebelli… - gibt es ganz unten einen link zu meiner #Autorenlesung, und hier - zur vorweihnachtlichen Feier des Tages, kommt das Kapitel über den Farbfilm:
" 10. Kapitel:
Wie Nina wegen Farbfilmen rebellisch wird und einen Herrn Krenz im Fahrstuhl trifft
… Du hast den Farbfilm vergessen
mein Michael – nun glaubt uns kein Mensch,
Wie schön’s hier war – ha- ha- ha- ha!
Du hast den Farbfilm vergessen,
bei meiner Seel’: Alles blau
und weiß und grün
und später nicht mehr wahr!
(Text von Kurt Demmler für Nina Hagen & Automobil)
Nun hatte ich also einen Berufsmusikerausweis. »Ninchen« war dem Abgrund entrissen und übte einen bürgerlichen Beruf aus. Ich tingelte also zunächst ein halbes Jahr lang mit dem Orchester Alfons Wonneberg durch die DDR-Provinz. Die »süße Kleine« durfte ihr süßes kleines Mäulchen aufreißen, mit dem staatlich geprüften süßen Hintern wackeln und in den Pausen von grauen Betriebsfesten, graueren SED- und noch grauenhafteren FDJ-Veranstaltungen den ihr abverlangten geistigen Süßmüll absondern. Was hatte das mit mir zu tun? Mit meinen Idealen? Meiner Musik? Nichts. Ich litt unter dem Mief der pseudosozialistischen Niederungen, verabscheute die dort betriebene Verabreichung emotionaler Gülle. Ich, das Schlagersternchen, durfte sie kredenzen; darüber machte ich mir keinerlei Illusionen. Ich hatte null Identifikation mit diesem meinem Job an den Marionettenfäden verlogener Kulturfunktionäre und betrieb ihn mit hingebender Verarschung oder verarschender Hingabe, je nachdem. Ich glaube, die merkten das gar nichts. Wie konnten sie auch ahnen, dass im Köpfchen dieser entzückenden Hervorbringung des Zentralen Studios für Unterhaltungskunst nur zwei Gedanken Platz hatten: Wie entkomme ich euch Arschlöchern? Wo ist der nächste Ausgang in den Westen?
Da kam es mir im Sommer 1973 ganz gelegen, dass mich ein gewisser Michael Heubach, der mit seiner Band »Automobil« eine bisschen auf Rock gebürstet war, dem Orchester Alfons Wonneberg entriss. Die Leute um Michael Heubach waren auch ein bisschen schräg drauf, außerdem waren es richtig gute Musiker, die mit Provinztourneen und Betriebsfestbeschallungen echt unterfordert waren. Wir verstanden uns auf Anhieb, menschlich wie musikalisch. Auch die Automobilisten hassten den musikalischen Schmonzes, den uns die Kulturbürokratie abverlangte. Sie lachten über die gleichen subversiven Witze wie ich. Vor allem schwärmten wir gemeinsam von den diesselben Idolen: von Roberta Flack, den Rolling Stones, Deep Purple und Genesis. Und noch etwas verband uns – der Traum Reisekader zu werden! Ich war die geborene Frontfrau für die Gruppe. Wir probierten viel rum, mussten aber das meiste wieder in der Schublade verschwinden lassen, weil es zu realistisch für den sozialistischen Realismus oder zu frech für die Freiheit war.
Erst als wir den allseits beliebten DDR-Großtexter Kurt Demmler für uns gewinnen konnten, bekamen wir die Songs, die wir verdienten. Der geschickte Verseschmied Demmler war eigentlich Arzt, hatte aber irgendwann begriffen, dass sich mit frechen, die DDR-Wirklichkeit ironisierenden Liedtexten Menschen begeistern ließen und dass man damit selbst im Sozialismus ordentlich Geld machen konnte. Dabei gelang Demmler das Kunststück, menschliche Erfahrungen so mehrdeutig, skurril oder frivol zu verpacken, dass ihn selbst die Bonzen nicht missen mochten und ihn für einen von ihrer Seite hielten, zumal er wacker die Fahne des Friedens trug. Heimlich machte Demmler sich dann über die Parteigranden lustig, für die er den verdienten Genossen Liedermacher Demmler gab.
Demmler hatte so einen Instinkt, einen Musiker zu sehen und ihm etwas auf den Leib zu schreiben. Er sah mich also, hörte mir zu, krickelte auf seinem Block herum und macht was aus dem Bauch heraus, das mir ganz entsprach, das Lied Du hast den Farbfilm vergessen. Die Musik stammte von Michael Heubach. Wahrscheinlich muss man in der DDR geboren sein, um all die Anspielungen und manchmal recht derben Bezüge zu verstehen, die dieses Lied zur heimlichen Nationalhymne einer ganzen Generation machten. Das Lied trieft vor Ironie; es ist Schlager durch Zerstörung von Schlager. Der Farbfilm atmet im Hintergrund das giftige Grau von Bitterfeld und die Tristesse von Leipzig; es spiegelt die Trostlosigkeit der Arbeitswelten zwischen Akkordschraube und Herumlungern an kaputten Maschinen; es spielt im Milieu einer irren Sehnsucht danach, dieser Schwarzweißwelt zu entfliehen, hin zu Orten voll Farbe und Licht. Da sind die kleinen Fluchten in die Natur, ans Meer, an die endlosen Sandstrände der Ostsee – Rügen, Usedom, Hiddensee – Fluchten ins private Glück, in ein bisschen erotische Freiheit, die zum Guckloch des Paradieses werden. Aber das Paradies wird eingeholt von der banalen Alltageserfahrung in einem Staat, der knattrige, stinkende Plastikautos, beknackte Badeanzüge und Jahr für Jahr zu wenig Farbfilme hervorbringt. Vielleicht habe ich Lieder gesungen, die besser waren als der Farbfilm. Mit keinem Lied aber habe ich mich tiefer in die Herzen meiner Freunde gesungen. Hier ist mein Lied:
Hoch stand der Sanddorn am Strand von Hiddensee,
Micha, mein Micha, und alles tat so weh.
Die Kaninchen scheu schauten aus dem Bau,
So laut entlud sich mein Leid in’s Himmelblau.
So böse stapfte mein nackter Fuß den Sand
Und schlug ich von meiner Schulter deine Hand.
Micha, mein Micha, und alles tat so weh!
Tu das noch einmal, Micha und ich geh.
Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael!
Nun glaubt uns kein Mensch, wie schön’s hier war, ha ha ha!
Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel’,
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr.
Nun sitz ich wieder bei dir und mir zu Haus
Und such die Fotos fürs Fotoalbum raus.
Ich im Bikini und ich am FKK,
Ich frech im Mini, Landschaft ist auch da – ja!
Aber, wie schrecklich, die Tränen kullern heiß,
Landschaft und Nina und alles nur schwarzweiß!
Micha, mein Micha, und alles tut so weh!
Tu das noch einmal, Micha, und ich geh!
Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael,
Nun glaubt uns kein Mensch wie schön’s hier war, ha ha ha!
Du hast den Farbfilm vergessen, bei meiner Seel’,
Alles blau und weiß und grün und später nicht mehr wahr.
Du hast den Farbfilm vergessen …"
Der Farbfilm machte uns zur Kultband, obwohl Michael Heubach und die anderen Musiker eigentlich in eine ganz andere Richtung unterwegs waren. Sie waren versessen darauf, richtige Rockmusik in der DDR zu etablieren. Aber hören wollten die Leute immer nur den Farbfilm. Die langhaarigen Freaks, denen wir Sachen a la Genesis oder Deep Purple schenken wollten, warteten mit Engelsgeduld bis zum Ende unseres Programms, und sie flippten aus, wenn sie endlich kam, die musikalisch eher konventionell gestrickte Klage über den dusseligen Micha, mein Micha. Man riss sich um uns. Das staatliche Radio wurde von Hörerwünschen bombardiert und spielte bald täglich den Farbfilm. Das Fernsehen featurte uns und behandelte uns voll stolz wie DDR-Superstars. Wohin wir kamen, rollte ein Welle von Sympathie heran. Wir konnten uns vor Terminanfragen kaum retten. Sogar die DDR-Musikkritik nahm sich des Kunstwerkes Farbfilm an und urteilte in einem Stück bester handwerklicher Arbeiterprosa: »Diese vortrefflich verschweißte (!) Kombination von Erosdynamik und bildhafter Komik, die diesem Lied so eigen und unserem Schlager so neu ist, gefiel – und gefällt immer noch.« Superb!
Das hätte lange so weiter gehen können, denn wir waren drauf und dran, uns anzupassen und der Gleichschaltung zu unterziehen. Das war nicht mein Ding. Den ersten großen Crash gab es, als unser Manager einen genialen Deal einfädelte. Wir sollten bei VEB ORWO in Wolfen spielen – die Firma stellte (na, was wohl?) Farbfilme her – und im Gegenzug würde ORWO dafür sorgen, dass man bunte Plakate für uns drucken würde. Farbige Plakate – whow! Wir fanden das unglaublich und machten uns voller goodwill auf in die graue Wüste von Bitterfeld. Der Betriebsleiter, ein Parteisekretär, empfing uns auch herzlich. Voller Stolz führte er uns durch die Anlagen und stellte uns den leitenden Mitarbeitern vor. Von überall her lächelten und grüßten die Beschäftigten. Mal schrie einer zu uns herüber: »He Nina, haste ’n Farbfilm vergessen?« – »Ja, ick hol mir ’n paar bei Euch ab, damit dett nich wieder so ’ne Pleite wird wie letztes Jahr auf Hiddensee!« Ein anderer rief: »He, Nina, lass dett mit ’n Micha, der hat et nich drauf! Nimm uns mit. Bei uns klappt dett mit’n Farbfilmen!« Großes Gegröhle! Ich hatte richtig Spaß an den Jungs.
Aber je länger wir durch die weitläufigen Anlagen des Unternehmens gingen, desto bedrückter wurde meine Stimmung. In diesen Gifthallen, dieser ätzenden Atmosphäre mussten die den ganzen Tag aushalten! Man sah es den Leuten förmlich an, wie ungesund ihr Arbeitsplatz war. Das Gift der Chemikalien hatte ihre Haut verändert und ihren Augen einen kranken Ausdruck verliehen. »Was verdienen die denn?«, wollte ich von dem Betriebsleiter wissen. »500 Mark«, meinte er und zuckte mit den Schultern. Ich musste schlucken. Für ganze 500 Mark ruinierten diese Menschen also ihre Gesundheit! Die Firma wurde mir ein wenig ungeheuerlich. Aber es sollte noch schlimmer kommen.
Der Betriebsleiter öffnete die Tür und geleitete uns vor einen Raum, den wir nicht betreten durften, weil die Mitarbeiter den ganzen Tag in vollkommener Dunkelheit arbeiten müssten. »Die beschichten da Filme … und wenn ich jetzt die Tür öffnen würde, dann wären alle Filme kaputt! Ist ja auch klar: Fällt Licht drauf … dann ist nichts mehr mit Hiddensee. Film hinüber!«, belehrte uns der Chef. »Sind die den ganzen Tag da drinne?«, wollte ich wissen. »Zur Mittagspause natürlich nicht!« Ich ließ nicht locker: »Sie sagen also, dass diese Leute von morgens bis abends nur in Dunkelheit arbeiten. Dass sie die Sonne nicht sehen?« – »Ja, das ist wohl so!« – »Und die kriegen auch nur 500 Mark?« – »Natürlich. Alle unsere Arbeiter verdienen das Gleiche.«
Meine Begeisterung war hin. 500 Mark bekommt ein Scheiß-Staatsschlagersänger schon in Kategorie B! Für einen Vollplaybackauftritt! Und die Schwerstarbeiter hier – die kriegen den Sklavenhohnlohn von 500 Ostmark für einen ganzen Monat. Der Schock fuhr mir in die Herzgegend. Ufff!
Während der Betriebsleiter weiter drängte, zog ich Matthias Neumann, einen unserer Musiker beiseite, mit dem ich reden konnte, wie mir der Schnabel gewachsen war: »Haste dett jesehen!? Den janzen Tach sehn die keene Sonne nich. Weißte wat dett is? … Sklaverei ist dette! Det ist doch Folter! Wenn eener schon so’ne gesundheitsschädigende Arbeit machen muss oder machen will, dann aber doch nicht für so nen beschissenen Sklavenlohn!« Matthias Neumann schüttelte den Kopf und ließ hörbar Luft ab; er hatte es genau so empfunden wie ich selbst. Dennoch reagierte er hilflos: »Nina, wat willste machen!« – »Wat ick machen will? Dett will ick Dir sagen: Für so ’ne Sklaventreiber mach ick keene Reklame!« Matthias Neumann sah mich mit großen Augen an: »Nina, dett kannste nich bringen!« – »Wat kann ick nicht bringen? Dett ick hier verschwinde? Kann ick wohl bringen. Wirste sehen! Ick fahr nach Hause! Dett kann man ja keem erzählen, wat hier los is.«
Ich ließ den verdatterten Matthias Neumann stehen, drehte mich auf dem Strupp um und verschwand. »Wo will denn Nina Hagen hin?«, fragte der Parteisekretär, der meine offenkundige Verärgerung mitbekommen hatte. Schwierige Frage. Ich kannte mich selbst ja kaum. Wie konnte mich meine Band kennen? Während ich also davon rauschte, versäumte ich es nicht, mich noch einmal umzudrehen: »Dett is Ausbeutung, Herr Parteisekretär!«, schrie ich quer durch die Halle, »Schlimmer wie im Kapitalismus!« Weg war ich. Ganz starker Abgang!
Was ich da tat, war unvernünftig. Es brachte meine Freunde in Gefahr. Ich veränderte an der Situation der Arbeiter nichts. Aber ich musste es tun. Es war Teil meines Glaubens, Teil meiner christlichen Identität. Gut, ich habe schon durch meinen Vater ein Gerechtigkeits-Gen geerbt. Ich kann von Natur aus ungerechte Verhältnisse auf den Tod nicht ausstehen. Sie bringen mich zur Raserei. Und doch bin ich keine Jean d’Arc und keine Rosa Luxemburg. Ich bin ein Mensch, der in seinem Kern voller Liebe und Mitgefühl ist. Die tiefsten Wurzeln meines gesellschaftlich-politischen Engagements sind Liebe und Mitleid. Man muss mir nur einen verlausten, hungrigen Straßenköter bringen – und schon zerfließe ich vor Liebe und Mitleid. Liebe ist für mich Helfen. Gott ist für mich der Helfer. Gott, der uns gemacht hat, liebt er jedes einzelne Wesen auf der Erde mit der gleichen einmaligen Liebe, mit der er mich liebt. Er hilft und wir sollen helfen. Wenn man das einmal verstanden hat, wird man niemals wieder gleichgültig sein gegenüber dem Leid der anderen. Mit anderen mitleiden ist seit Jesus eine göttliche Sache. Der Teufel ist es, der sagt: Jeder ist sich selbst der Nächste. Denk erst an dich. Lass die anderen in der Kacke!
Doch zurück nach Bitterfeld! Wohin verschwinden Mädels? Natürlich auf das Damenklo. Nach offensichtlich intensiven Beratungen – »Sie kann sich ja nicht in Luft aufgelöst haben!« – waren meine Leute auch auf den Trichter gekommen. Der Entsandte, Matthias Neumann, hatte den richtigen Riecher; er war es, der mich fand. Doch hatte ich nicht nur die Toilettentür verschlossen; ich hatte schon den Vorraum verrammelt, saß, durch zwei Türen von der Außenwelt abgeriegelt, auf der Schüssel und heulte vor Wut und Verzweiflung Rotz und Wasser. »Nina, bist da drinne!? Gib doch endlich Antwort«, hörte ich Matthias schreien. Mit Tränenstimme krähte ich zurück: »Hau ab, du blöder Schleimscheißer! Dett mit den Arbeitern, dett is ne unglaubliche Sauerei! Ick mach da nich mit! Kannste denen bestellen!«
Doch ich saß in der Falle. Matthias Neumann versuchte alles, mich zum Einlenken zu bewegen. Er bestieg sogar ein Gerüst, über das man von außen auf Klopfhöhe an das Toilettenfenster heranreichen konnte. Matthias bummerte bedrohlich gegen die Milchglasscheibe und redete auf mich ein wie die Heilsarmee auf eine Schnapsdrossel: »Nina, ick flehe dir an, mach dett nich, komm raus, bitte, bitte … Nina, nimm Vernunft an! Du reitest uns alle in die Scheiße! … Wenn dett nach Berlin geht, kannste dir warm anziehen! … Tu et um der Gruppe willen … oder wat wees ick!« Eine geschlagene Viertelstunde redete Matthias auf die eigensinnige Thronprätendentin ein. Endlich zog ich die Hosen hoch, schniefte durch und stellte mich der Realität.
Während Michael Heumann, Matthias Neumann und die anderen von der Gruppe tief durchatmeten und sich dachten, alles sei gerade noch einmal gut gegangen, wanderte der Vorgang schon von Leipziger Bezirksverwaltung der Stasi nach Berlin, an die Stasi-Hauptverwaltung, von wo die unglaublichen Vorgänge weitergereicht und noch höheren Ortes unterbreitet wurden. Wie schön, dass man heute nachlesen kann, was aufmerksame Menschen wie »Dany« 1975 über mich zu den Akten gaben: »Die Gruppe Automobil und Nina Hagen wurden durch das Werksgebäude geführt, bis zu diesem Raum, wo Filme beschichtet werden und wo Arbeiter acht Stunden in vollkommenem Dunkel arbeiten müssen. Jetzt kommt’s. Darauf ging die Solistin Nina Hagen zum Parteisekretär und soll sich fürchterlich darüber aufgeregt haben, wieso denn die Leute bzw. Arbeiter im Sozialismus in dem dunklen Raume den ganzen Tag über arbeiten müssten – das wäre pure Ausbeutung wie im Kapitalismus. Soviel mir bekannt ist, hat sich der Parteisekretär weiter gekümmert und die Gruppe Automobil ist wohl durch diesen Vorfall nicht als Reisegruppe für das Ausland mehr vorgesehen.«
Dumm gelaufen. Davon ahnten wir seinerzeit natürlich nichts. Stattdessen erfreuten wir uns der allerhöchsten Aufmerksamkeit. Mich schaudert es, aber das Politbüro, dem wir in herzlichster Abneigung zugetan waren, mochte uns. Aber das passiert ja allen Kindern, dass sie vor der grenzenlosen Liebe ihrer Eltern nicht sicher sind! Die Liebe der Honeckers und Mielkes zu uns war Elternliebe, der gerade ins Wohnzimmer geschissen worden war. Man ließ der übel geratenen Brut die Launen wohl als pubertäre Vitalitätsäußerung durchgehen. Möglicherweise erkannte man uns aber auch als subversive Elemente, aber wir waren unterhaltsam – und außerdem war man selbst einmal jung gewesen – ho, ho, ho.
Fakt ist: Die Stasi forderte uns an. Wir spielten vor SED-Funktionären, ja vor dem Zentralkomitee der SED. Es war gespenstisch. Hilfloses Highlife im Beinhaus. Groove bei Grufties. Matthias Neumann hat die Atmosphäre einmal treffend geschildert. »Diese ganzen Kerle in ihren Präsent-20-Anzügen, diese hässlichen Krüppel aufgekarrt, ein ästhetisches Verbrechen! Nur Männer mit Lederschlipsen und leerem Blick.« Dabei befiel die Künstler, die vor diesem Publikum auftreten mussten, regelmäßig die nackte Angst. Wenn Honecker nicht lachte, lachte niemand. Und wenn niemand lachte, war es nicht gut. Und wenn es nicht gut war, war es verdammt nicht gut für den betroffenen Künstler, denn es konnte ihm danach ziemlich schlecht ergehen. Nicht so schlecht wie bei Stalin, bei dem ein verpatzter Auftritt schon einmal die Verbannung, der Prozess, gar das Todesurteil sein konnte. Aber ziemlich schlecht.
Uns war auch schlecht, als man uns eines Tages das »große Los« brachte. Wir durften bei einem Empfang in einem Hotel am Alexanderplatz spielen, bei dem die Creme de la Creme der Partei, all die Bonzen aus dem Zentralkomitee der FDJ, da waren. Die älteren Herrschaften ließen es sich nicht nehmen, ihre fetten Bäuche in Blauhemden zu zwängen und jung unter der Jugend der Partei zu sein. Wir spielten Rock und waren überhaupt auf Krawall gebürstet. Wie es der liebe Zufall, mein Freund, so wollte, traf ich im Aufzug den damaligen FDJ-Chef Egon Krenz, nachmaliger Generalsekretär des Zentralkomitees der SED. Steif wie ein gefrorener Hering, blickte er durch uns hindurch. Der kam mir gerade recht. »Na, Jugendfreund Krenz«, machte ich ihn an, »wann dürfen wir ooch mal in’n Westen fahren, wie die Puhdys und Karat? Hast ja mitjekricht, dett wir keen beißen, oder?« Egon Krenz erbleichte. Oder errötete er? Jedenfalls geriet er aus der Contenance, ja, er platzte förmlich aus seiner Maske heraus: »Frau Hagen, wenn Sie Ihr Verhältnis zum Sozialismus geklärt haben und mit dem Klassenfeind Biermann gebrochen haben, reden wir noch einmal miteinander!«
Sprach’s und erstarrte wieder.
Und ich dachte mir: Ha, wenn der olle Sphären-Agent der untersten Aufseherkaste wüsste, dass ich schon mal von Jesus gerettet worden bin! Hahahahallelooya, Egon! Hier spielt die Musik – nich da! Und ich zeige zum Abschied auf mein Herz."
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p.s.: + regarding "Zapfenstreiche": Auf alle Fälle bin ich von den neuesten + überraschenden Musik-Nachrichten aus dem BundeskanzlerInnen-Amt genau so erstaunt gewesen, wie wahrscheinlich alle anderen Lebenskünstler und Lebenskünstlerinnen hierzulande und abroad, weltweit, wohl auch. . . . . + 2. p.s. https://www.facebook.com/photo?fbid=455644496120887&set=a.182356103449729 + noch ein P.S. - regarding #Zapfenstreich: https://www.facebook.com/photo.php?fbid=456417536043583&set=p.456417536043583&type=3 ✍ . . . . . mit vielen lieben Grüßen + avec bisous, von Nina Hagen 🐠 ninahagen.org 🐠
(https://de.wikipedia.org/wiki/Du_hast_den_Farbfilm_vergessen)
Und weiter geht`s :
🌈 „Ich bin Ninas Farbfilm-Micha“
Hintergrundgeschichte zu Michael Heubachs Song „Du hast den Farbfilm vergessen“: https://www.superillu.de/…/michael-heubach/ich-bin-ninas-fa… + quote:
"Er sieht sie zum ersten Mal bei einem Pressefest in der Nähe von Leipzig. Frühjahr 1974. Die zierliche Nina Hagen, 19 Jahre alt, darf als Gast-Sängerin des Orchesters Alfons Wonneberg ein paar Liedchen trällern. Michael Heubach, der im Publikum sitzt, ist von ihrer Stimme, ihrer Schönheit, ihrem frechen Wesen begeistert. Noch am selben Abend spricht er sie an. Er sucht dringend eine Sängerin für seine Band „Automobil“. Heubach erinnert sich: „Nina sagte sofort: Ja! Ich glaube nicht, dass das daran lag, dass mein Angebot besonders gut war. Sie wollte einfach nur weg vom Wonneberg-Orchester.“ Ein paar Tage später probt Nina zum ersten Mal mit den Musikern von „Automobil“. Unter abenteuerlichen Bedingungen.
Heubach: „Der Probenraum war ein heruntergekommenes Kulturhaus. Ungemütlich, manchmal war der Strom weg. Es gab keine Heizung. Wenn es kalt war, übten wir in Mänteln.Trotzdem hat es viel Spaß gemacht, weil wir an uns glaubten.“ Heubach ist zwar damals erst 23. Aber als Musiker hat auch er schon bessere Zeiten erlebt. Nach seinem Musikstudium in Leipzig ist er Keyboarder und Arrangeur bei Renft. Später bei der Bürkholz-Formation, mit der er viele Erfolge feiert. Bis „Bürkholz“ Mitte 1973 wegen „Aufwiegelung der Massen“ von den DDR- Behörden verboten wird. Ein schwerer Schlag. Aber Heubach gibt nicht auf. Als sich die Aufregung gelegt hat, versucht er Anfang 1974 die Band wiederzubeleben.
Unter anderem Namen - „Automobil“. Rock-Musik ist in der DDR nicht mehr so verpönt wie zurzeit des 1971 abgesetzten SED-Chefs Walter Ulbricht. Offiziell wird sie nun sogar gefördert, denn die SED-Funktionäre haben gemerkt, dass die „langhaarigen“ Rocker bei der Jugend beliebt sind. Sie zensieren aber weiter die Liedtexte. Und hin und wieder wird eine Band verboten.
Die Geburt eines Hits: Die Probleme der Musiker sind zahlreich. Eine westliche Profi-E-Gitarre kostet in der DDR 8000 Mark, ein Jahreslohn. Heubach: „Außerdem gab es keine Noten für Rock-Hits aus dem Westen. Wir hörten sie im West-Radio, nahmen sie auf Tonband auf.Und hörten dann mühsam Note für Note heraus.“ Heubach komponiert auch selbst. Für „Automobil“ schreibt er fünf Songs. Einer davon ist die Melodie vom „Farbfilm“. Den Text soll der Leipziger Song-Schreiber Kurt Demmler liefern. Heubach: „Demmlers erster Entwurf gefiel uns gar nicht: „Komm fahr mit mir in die Berge, da ist es schön ...“. Langweilig. Wir wollten was Witziges.“
Also macht sich Demmler noch mal ans Werk. Am nächsten Tag kommt er mit dem genialen Ergebnis: „Du hast den Farbfilm vergessen, mein Michael ...“.
Heubach: „Nina und ich hatten damals wirklich ein Verhältnis. Man darf annehmen, dass Demmler mich als Vorbild für den „Michael“ nahm. Der Text ist ansonsten frei erfunden. Nina und ich waren nie auf Hiddensee.“
Im Berliner Funkhaus Nalepastraße nimmt die Gruppe den Song auf. Die Radioleute sind begeistert. Und auch die Rundfunkhörer. Heubach: „Die Hörer konnten damals per Postkarte ihre Hits wählen. Wir landeten sofort auf Platz 1. Der „Farbfilm“ kam bald in hoher Auflage als Single bei Amiga heraus. Wenig später erschien der Song auch im Westen. Und ich bekam zum ersten Mal West-Geld als Tantiemen. Nicht in bar. Sondern als Gutschein über 665 DM für den Intershop. Ich kaufte mir davon einen Rasierapparat, Jeans, für den Rest Kaugummis. Im Westen wäre ich mit dem Hit Millionär geworden. Aber was solls!“
. . . . . . Das Wiedersehen
1975 trennt sich die Band. Heubach geht zur Gruppe „Lift“. Nina startet eine Solo-Karriere. An einem kalten Dezembermorgen 1976, kurz nach der Ausbürgerung ihres Ziehvaters Wolf Biermann, verlässt sie die DDR mit Ausreiseantrag. Heubach bleibt. Im Dezember 1989, kurz nach dem Mauerfall, klingelt sein Telefon in Ost-Berlin. Nina ist dran. Sie ruft aus Paris an.
„Micha, ich komme!“ .... - end of quote
(https://www.superillu.de/…/michael-heubach/ich-bin-ninas-fa…)
+ ich habe Micha Heubach dann in seiner Schönhauser-Allee-Wohnung besucht und wir haben über neue, gemeinsame Songs ge-brain-stormed . . . (aus denen aber leider (noch) nix geworden ist. . . . : https://www.facebook.com/photo.php?fbid=457258459292824&set=p.457258459292824&type=3)
Auf jeden Fall: DA KOMMT noch WATT! Ich arbeite mit meinen geliebten Musikern, producers + co-writers Ralf Goldkind & Warner Poland voller Herzensglut an der Vollendung der neuen Songs für`s neue Album, und ich freue mich schon unbeschreiblich riesig auf die neue Vor-Ab-SiNGLE - Veröffentlichung mit Groenland Records, Anfang Januar des neuen Jahres, 2022 ! !
🎥 und hier ist nochmal das alte Automobil aus der DDR + "Du hast den Farbfilm vergessen" im VEB ORWO Wolfen: https://youtu.be/EKe9ybFDQ1A, damals war`s, anno 1974 👀
"Die Autobiographie von Michael Heubach": http://www.deutsche-mugge.de/…/53-die-autobiographie-von-mi…
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Foto mit Nina Hagen (im "Bananen-Rock") und der Gruppe "Automobil" auf dem Cover vom NBI - Magazin, DDR, 1975: