Meine Analyse zu Kaddors Antwort auf den Ruhrbarone-Artikel: http://www.t-online.de/nachrichten/deutschland/id_82946676/islamfeindlichkeit-necla-kelek-sprach-doch-von-der-sodomie-des-muslimischen-mannes.html
Den Anfang des Artikels ziert eine Selbstviktimisierung, der eine pauschale Einordnung - "mit ideologischem Eifer", "Trittbrettfahrer" - ihrer Kritiker folgt, die ihren Kritikern vorwirft, sie pauschal einzuordnen. Dann folgt eine Aufzählung ad verecundiam von "Persönlichkeiten", die Kaddor auf ihre Seite rechnet. Das soll offenbar - ad populum - den Eindruck erwecken, dass sich so viele und bedeutende Leute nicht irren können.
Ein bemerkenswerter Auftakt für einen Artikel, der eigentlich nur die Fakten zu nennen bräuchte, um Kritiker zu widerlegen. Bemerkenswert auch deswegen, weil ihr ja vorgeworfen wird, eine 'Kampagne' gegen Frau Kelek initiiert zu haben - und Kampagnen startet man, indem man rhetorisch den Gegner unmöglich zu machen versucht. Was dieser Artikel - noch bevor irgendein Gegenargument formuliert wird - in geradezu beispielhafter Weise zeigt und damit den Verdacht verstärkt, anstatt ihn zu widerlegen.
Es folgt die Strategie, die felsenfeste Falschbehauptung einfach tu-quoque auf die Kritiker umzukehren - etwas, das auch Sie hier schon mehrfach gezeigt haben, Herr Bax: "Jemand versucht Ihnen weiszumachen, die Wiese sei blau, und Sie müssen nun argumentieren, dass sie doch grün ist?" Der Trick besteht hier darin, mittels einer rhetorischen Frage zu insinuieren, dass die eigene Position bereits a priori richtig ist.
Die gesamte Darstellung ist polemisch angelegt. Hier einmal eine Zusammenstellung der operativen Substantive, Verben und Adjektive, die Kaddor braucht, bevor sie überhaupt zur Sache kommt:
"Beschimpfungen, Diffamierungen, üble Nachreden", "Islamisten agitieren", "Trittbrettfahrer", "säkulare Linke", "mit ideologischem Eifer", "absurder und bösartiger Vorwurf", "steil[e] Thesen", "werde ich ... zum Handeln gezwungen", "Offensichtliches", "Selbsterklärendes" [sic!].
So etwas nennt man eine rhetorische Vorwegnahme des Urteils: Man versucht den eigenen Beweis durch solche Vorbauten aufzublasen, damit der Leser auch ja dort ankommt, wo er ankommen soll. Über Motive wird spekuliert, man baut sich eine Geschichte zusammen - was wieder genau das ist, was Kaddor anderen vorwirft.
"Die Islamkritikerin Kelek hat zweifelsohne die Religion des Islams und muslimische Männer pauschal in Verbindung mit Sodomie gestellt."
Richtig. Das ist aber nicht das, was ihr die Ruhrbarone vorwerfen.
"Kelek spricht also ganz eindeutig über Sodomie als reale Handlung im muslimischen Kontext."
Nein. Sie spricht über Sodomie als Vorwurf einer realen Handlung im muslimischen Kontext.
"Sprache lässt sich nur im Kontext und unter Berücksichtigung der Sprecherin oder des Sprechers verstehen."
Das ist schlicht falsch. Das würde nämlich bedeuten, dass jedes Verstehen eines Argumentes immer ad personam sein müsste. Womit Kaddor deutlich gemacht hat, worin ihr Fehlschluss eigentlich besteht: in der Beurteilung der Person Kelek, von der aus sie diese Passage liest.
Sie hat damit den Ruhrbarone-Artikel nicht etwa widerlegt, sondern belegt - sie gibt zu, dass sie Aussagen von Vornherein ad personam liest, weil sie meint, das sei eine Notwendigkeit für das Verstehen. Das ist ungefähr so unglücklich wie Ihre Aussage, Herr Bax, die für irrelevant erklärt, was sie dann moralisch verurteilen.
Und was macht sie nun aus ihrem Gegenargument? Richtig: eine moralische Empörungsgeste: "Es ist ein Skandal...". Für Aussagen, die sie nicht belegen kann, nutz sie "insinuiert", also eine Vokabel, mit der man Unterstellung unterstellen kann, ohne sie nachzuweisen.
Dieser Satz hier "Durch die ebenfalls unbelegte Aussage: 'Das hat sich im Volk so durchgesetzt, das ist ein Konsens' behauptet sie schließlich, dass es in muslimischen Gesellschaften auch eine Akzeptanz von Sodomie gebe" ist sachlich falsch geschlossen. Denn legte man das mehrdeutige "das" anaphorisch aus, dann würde es vielmehr bedeuten, dass es in muslimischen Gesellschaften auch eine Akzeptanz für die Zuschreibung von Sodomie gebe.
Der Rest ist Aufrufen von Kontexten. Interessant ist, dass sie das - wie auch ihre rhetorische Kaskade am Anfang - nötig hat, um "Offensichtliches" und "Selbsterklärendes" zu begründen und darzustellen. Man könnte sagen: Der inflationäre Einsatz sowohl rhetorischer, als auch kontextualisierender Mittel, als auch die Berufung auf das vermeintliche Recht zum Ad-personam-Schluss a priori entlarvt diese Gegenrede als eine, für die der einfache Sachverhalt eben nicht ausreicht, um den Ruhrbarone-Artikel zu widerlegen. Strategisch unklug, denn dieser inflationäre Einsatz zeigt außerdem, wie richtig diese Analyse ist - nicht nur in einer, sondern gleich in mehreren Hinsichten. Ein klassisches Eigentor.